#2 Eine Freudenträne fürs Brot

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Mach‘ die Augen zu. Na mach schon. Also nein, geht ja gar nicht. Bitte erst lesen und dann die Äugelein schließen und sich der Vorstellung von einem frisch gebackenen Brot hingeben. Haben wir ein Pech, dass die Backkultur so auf dem absteigenden Ast ist. Ketten – und Aufbackbäcker reihen sich in den Städten und – ich kotz gleich – am Rande von schönen Dörfern in den schönen Einheitsbauten der üblen verdächtigen Discounter. Gutes Brot ist zu (m)einem Luxusgut geworden. Aber wollen wir mal nicht über die Schlechten, sondern über die Guten Dinge sprechen.

Was ist Glück? Glück ist, unter anderem, einen Bäcker in der Stadt oder im Dorf zu haben der Wert auf Tradition und Handarbeit legt, und von morgens um 6 Uhr bis abends um 18 Uhr frisch backt anstatt aufbackt. Ich könnte ausflippen, nein ich flippe regelmäßig aus, tanze auf meinem Küchentisch, wenn ich in das Baguette meines Lieblingsbäckers reinbeißen darf, solange es noch warm ist. Frisch aus dem Ofen, einen Korb voller Baguettes in meinem Auto und ich bin tatsächlich gefährdet einen schweren Verkehrsunfall zu verursachen, da meine Augen mit Freudentränen gefüllt sind. Klingt verrückt – ist aber tatsächlich so.

Als Koch werde ich oft gefragt, was mein Lieblingsessen ist. Die Antwort lautet schon lange nicht mehr, dass ich am liebsten Steinbutt mit Hummersauce und Venere Risotto esse. Auch nicht schlecht, ehrlich gesagt. Aber das war 90 er, als ich die Sterneküche kennengelernt habe. Am allerliebsten esse ich eine dicke Scheibe Bauernbrot mit Schwarzwälder Rohmilchbutter direkt von der Bäuerin mit knirschendem Meersalz drübergebröselt. Dazu esse ich einen Apfel. Extrem knackig, leicht süß und mit viel Säurespiel. Vielleicht Topaz oder Elstar.

Dieses kleine Glück hat seinen Preis. Ja! Und ich meine hier nicht die 60 Cent, die diese Kreation mehr kostet als Backshop Schrott. Der Preis ist die Zeit, meine Zeit, die da drauf geht um diese vier! Zutaten aus sicherer Quelle zu erstehen.

Ich stelle mich also in die Schlange beim kleinen Bäcker. Anstatt auf dauernd auf die Uhr zu sehen atme ich tief die herrlichen Gerüche ein, bestaune Brötchen, Brezeln, Brote und Gebäck. Träume ein wenig, manchmal auch mehr. Eine kleine Auszeit im Alltagsstress.

Auf dem Markt tratsche ich mit den Menschen anstatt vor einer dauerpiependen Computerkasse meine Ohren Volldröhnen zu lassen und freue mich über die Gespräche.

Warum das alles? Weil ich einer von diesen Menschen bin der ohne diesen verdammten Luxus einfach nicht mehr Leben kann – sorry, nicht mehr leben möchte.

Mach die Augen zu. Jetzt!

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